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François Villon Texte
Freie deutsche Nachdichtungen von Paul Zech

Die Marien-Ballade, die Villon seiner Mutter gedichtet hat
 
"Du Himmelskönigin, im Gold und Blau der Ewigkeit,
Du Schmerzensweib und Leid von meinem Leid,
nimm meine Stimme gnädig auf zu Dir!
Ich bin ja nur ein armes Waisenweib
und krümme mich noch tiefer in den Staub als Wurm und Tier,
ich habe solche Angst in Dein Gesicht hineinzusehn
und kann doch ohne Dich nicht einen Schritt weit gehn.

Empfehle mich der Gnade Deines Sohnes, tu ihm kund,
daß meine Knie vom Beten schon ganz wund
geworden sind. Ja, sag ihm, ich will die eingeborne Schuld
mit meinem letzten Seufzer büßen, wenn er mir vergibt,
wie seinen Feinden er doch auch verziehn hat und den Verräter noch geliebt
und aufgehoben hat in Mitleid und Geduld.
O, Mutter unser, las mich nicht so lang im Dunkeln stehn,
ich kann ja ohne Dich nicht einen Schritt weit gehn.

Ich bin eine alt und grau gewordne Frau,
ich trinke Tag und Nacht den Tränentau
der Einsamkeit. Bin keinem mehr was wert
und keiner kommt und hebt mich aus dem Elend auf.
Du aber stehst so strahlend da im Lauf
der ewigen Gestirne ... und das Schmerzensschwert
in Deiner Brust ist lauter Licht. O falt es in mein Flehn
und las mich nicht noch weiter elend gehn."

Oft tönt in meinem Witwenkral
Gesang der Nonnen und der Brüder Buß-Choral.
Im Kloster, ja, da ist das Paradies so nah
und auch der Hölle Feuer angefacht.
Das eine macht mich froh in kalter Winternacht,
das andere, mit Blitz und Donnerton geschah
schon tausendmal in mir. Ich aber will noch höher wehn,
will jeden Schritt nur mit Marias Segen gehn.

 

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zuletzt aktualisiert am 02.03.2001