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François Villon Texte
Freie deutsche Nachdichtungen von Paul Zech

Die Ballade von den Armen und den Reichen
 
Als Lazarus einst in der Asche hocken mußte,
den Leib von Eiterschwären ganz entstellt;
wer von den treuen Nachbarsleuten wußte,
was Elend heißt? Sie lebten nur dem Geld
und rührten keinen Finger für die Armen.
Sie sagten, wen Gott straft mit harter Hand,
dem darf kein Christ sein Mitleid schenken und Erbarmen,
sonst macht der Mann Geschäfte mit dem Höllenbrand
allüberall, wo sich die Menschen drängen;
denn wers lang hat, der läßt es auch lang hängen.

Sie wußten wohl, warum sie diesen Spruch
herunterschnurren, diese Seelenfänger
und Oberhäupter aller Kirchengänger,
sie standen bei den Armen nie in einem Wohlgeruch.
Sie lagen bei den Weibern vorn, bei Männern umgekehrt,
sie fraßen Fleisch und ließen ihre Schäflein fasten.
Ich sah noch keinen Fürsten krank und abgezehrt,
sie darbten nie, sie soffen nur und praßten,
und zogen, wenn's nicht langte, an den Glockensträngen;
denn wers lang hat, der läßt es auch lang hängen.

Alle fragten mich, woher ich das denn wisse,
da ich doch nie die höhre Philosophie
mit solchem Fleiß studierte so wie sie,
statt dessen aber in die schlimmsten Finsternisse
hinunterstieg und mich dem Satanas verschrieb
für einen schwülen Venusinen-Reim ...
Ach ja, ich brachte manche lasterhaften Lieder heim
von meinen oft sehr angenehmen Gängen
als Schürzenjäger, Vagabund und Dieb;
denn wers lang hat, der läßt es auch lang hängen.

 

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zuletzt aktualisiert am 25.04.2001