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Jesus Christus Erlöser
Klaus Kinski spricht das Neue Testament

Pressestimmen zum letzten Bühnenauftritt Klaus Kinskis 1971, zur Veröffentlichung des Live-Mitschnitts auf CD 1999 und zur einstweiligen Verfügung gegen die CD

 

Fritz Rumler: Jesus hat auch keine Pause gemacht
Der Spiegel vom 15.11.1971 zu Kinskis Rezitationsshow

Kopfquartier Köln: Klaus Kinski - Jesus Christus Erlöser
CD-Kritik auf "discover - musik und mehr ..."

Ursula Gaisa: Lichtgestalt aus der Hölle
nmz vom Februar 2000 zur einstweiligen Verfügung gegen die CD

Predigt-Verbot für Jesus Kinski
Der Spiegel vom 10.01.2000 zur einstweiligen Verfügung gegen die CD

 

Klaus Kinski spricht das Neue Testament Klaus Kinski spricht das Neue Testament Klaus Kinski spricht das Neue Testament

Fritz Rumler
Jesus hat auch keine Pause gemacht
Der Spiegel vom 15.11.1971

Wenn Klaus Kinski lacht und fröhlich ist, dann sieht er richtig hübsch aus. Und wenn er quick und witzig vor sich hin berlinert, denkt kein Mensch an seine Scheusale aus den Wallace-Krimis und den Spaghetti-Western.

Aber wenn es ihm ernst wird, kriegt er Stahl in die Stimme, und dann sagt er: "Das ist die einzige Revolution der Welt, die wirklich keine Scheiße ist." Er meint die Jesus-Revolution, und für die geht Klaus Kinski, 45, nun auf die Bühne.

Wie einst vor zehn Jahren, als er mit leidvoll gebrüllten Villon-Balladen und Skandalen Tausende wohlig erschreckte, geht er wieder ganz allein und in die größten Säle: Nach der Premiere (kommender Samstag) in der Berliner Deutschlandhalle zieht er durch sieben weitere deutsche Hallen und dann, so der Plan, durch die restliche westliche Welt.

Was er dabei sagen wird, hat er selbst geschrieben - eine "auf heute bezogene" Neufassung des Neuen Testaments, die "den Leuten die Existenz von Jesus Christus dynamisch" nahebringen will. "Das ist der erste Gottesdienst seit 2000 Jahren", urteilt ein Freund, der einen Onkel im Vatikan hat.

Ein neuer Kinski? "Nein", sagt Kinski, "der wirkliche Kinski." Für den Ruhelosen ist der Nazarener offenbar zur Identifikations-Figur geworden. Er wolle es nicht beschwören ("Jesus verbietet das Schwören"), doch lebe er "so fieberhaft mit dieser Idee", daß er wohl nur noch als Jesus-Jünger arbeiten werde.

Es ist ein Jesus, wie er in einem Bestseller steht. Der Wiener Kaplan Adolf Holl malt (in: "Jesus in schlechter Gesellschaft") den Herrn als Außenseiter und Provokateur, als Freund der Dirnen und Vagabunden, als Feind aller Kirchen: "Er ist weder katholisch noch jüdisch, noch kommunistisch." Kinski über Holl: "Ein phantastischer Mann."

Holls Anarchist ähnelt sehr dem Hippie-Christ der Jesus-People; Kinski bringt die beiden zusammen. Schweift man mit ihm in vergangene Tage, dann leuchtet irgendwie ein, daß dieses verletzliche, aggressive Skandal-Genie in Jesus seinen Mann sieht; und Kinski der Wüste wird etwas verständlicher.

Er erzählt Geschichten vom Kellerkind. Als kleiner Junge habe er sich oft an der Scheibe die Nase eingedrückt, um sich eine Salami anzuschauen: "Ich hab' so lange geguckt, bis ich satt war." Einmal habe seine Mutter die Schuhe ausgezogen und versetzt, "um mir ein Stück Kuchen zu kaufen."

Daß man die Haare wachsen läßt und nicht "wie ein Nazi abschneidet", hält er für einen "ersten Schritt zur Freiheit". Als er, vor 20 Jahren, für die Rolle des Idioten die Haare lang trug, "spuckten mich die Leute an und schlugen mich nieder."

Irgendwie, sagt er, müsse auf seiner Stirn stehen: "Schlagt ihn." Der Außenseiter, der Ausfallende: Bei seinen Auftritten habe keiner gehustet, "weil ich den Leuten gesagt habe: Wenn ihr eure Schnauzen nicht haltet, gehe ich nach Hause."

Die Mammut-Tournee vor zehn Jahren hält er heute für "übertrieben". Aber: "Ich hatte Schulden." Er bekam "Herzkrämpfe", und wenn er sich "schluchzend vor Erschöpfung am Vorhang festhielt, dachten die Leute, das gehört dazu."

Er ging nach Italien, weil ihm in Deutschland "einfach die Kotze hochkam." In Spaghetti-Western wurde er der große Sado-Schurke, verdiente "ein bis zwei Millionen im Jahr", wechselte die Autos wie Hemden und "schmiß das Geld raus wie ein Wahnsinniger."

"Alle saßen bei mir rum und fraßen Kaviar und tranken französischen Sekt." Deswegen wurden, sagt Kinski, auch die meisten Zeitungsberichte nichts, "weil die Reporter nur Kaviar fraßen, besoffen waren und auf den Teppich kotzten."

Das war ein Leben, auch beim Filmen. In Corbuccis phantastischem Winter-Western Leichen pflastern seinen Weg spielt Kinski einen Mann, der im Namen des Rechts schlimme Dinge treibt. Sozialkritischer Knalleffekt des Films: Kinski überlebt als einziger.

Das kam so, sagt Kinski: Eigentlich sollte er sterben, aber vor dem letzten Gefecht ging der Film-Gesellschaft das Geld aus. Kinski streikte und riet Corbucci: Du kannst den Film nur retten, wenn ich überlebe. So geschah es.

So fabulierte er sich, ein ängstliches, exzentrisches Kind, furch den dunklen Wald der Welt, macht Dämonen-Fratzen, um Dämonen abzuwehren, hat das Geld hinausgeschmissen, und nun ist Jesus seine Zuversicht.

Aber eben der Holl- und Hippie-Jesus, und der verbietet, beispielsweise, nicht die Ehe. Kinski brachte, als dritte Gattin, eine frankovietnamesische Kindfrau mit nach Deutschland. Sie ist weitaus schöner als alle Maria Magdalenen.

Kinskis Neuestes Testament wird mit der Verlesung eines Jesus-Steckbriefs anheben (Beruf: "Arbeiter... hält sich auf unter Asozialen") und in der Gegenwart bleiben: Statt Jerusalem sagt Kinski, "große Städte", statt Judas "der, der ihn verraten hat"; und nach anderthalb Stunden enden wir mit der Kreuzigung.

Er will ohne Pause sprechen, "denn Jesus hat auch keine Pause gemacht". Aber es kann natürlich Zwischenrufe geben: Kinski, der, sagt er, mit sechs Jahren schon alle vier Evangelien auswendig wußte, fühlt sich für alle Fälle gewappnet.

Und am Sieg der Jesus-Bewegung hat er keine Zweifel. "Millionen werden sich anschließen", sagt er, eine Art Welt-Woodstock-Fest bahnt sich an, "und es wird passieren, was Jesus gesagt hat: Die bestehende Ordnung wird untergehen."

Der Herr spricht so: Wer es fassen kann, der fasse es.

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Klaus Kinski spricht das Neue Testament

Kopfquartier Köln
Klaus Kinski - Jesus Christus Erlöser
Live-Aufnahme der Rezitations-Show vom 20.11.71
discover - musik und mehr ...

Am 20. November 1971 steht der mittlerweile 45-jährige Klaus Kinski - 1926 als Nikolausz Gunther Nakszynski in Zoppot / Polen geboren - alleine auf der Bühne der Berliner Deutschlandhalle. Ein langer Steg ragt ins Publikum, muskelbepackte Hünen säumen den Rand, Dienst-Hunde mit ihren Hundeführern stehen einsatzbereit. Jesus Christ Superstar, Flower Power, Hippie-Kult, RAF, Sit-Ins und dogmatischste Diskussionsschlachten zeichnen die jetzt schon abebbende 68er-Ära. In dieser Zeit sind die Herzog Filme noch Zukunft. Und Kinski spricht seine Version des Neuen Testaments in seiner unnachahmlichen Art: Mit vollstem Einsatz, mit größter Präsenz und Eindringlichkeit. Der Text und die Person verschmelzen und erheben sich zur Botschaft "an sich". Der Zweifel wird angesichts dieser Wort- und Sprachgewalt zum lächerlichen Störenfried.

Die Vorstellung beginnt: Der Einheitspreis von zehn Mark erregt schon im vorhinein die fast 4000 versammelten Gemüter. Diese müssen zunächst auf den Meister des Wortes warten, was die Atmosphäre nicht gerade freudig stimmt.

Dann beginnt ER: "Gesucht wird Jesus Christus. Angeklagt wegen Verführung, anarchistischer Tendenzen; Verschwörung gegen die Staatsgewalt. Besondere Kennzeichen: Narben an Händen und Füßen. Angeblicher Beruf: Arbeiter. Nationalität: Unbekannt. Deckname: Menschensohn, Friedensbringer, Licht der Welt, Erlöser. Der Gesuchte ist ohne festen Wohnsitz. Er hat keine reichen Freunde und hält sich meist in ärmlichen Wohngegenden auf. Seine Umgebung sind Gotteslästerer, Staatenlose, Zigeuner, Prostituierte, Waisenkinder, Kriminelle, Revolutionäre, Asoziale, Arbeitslose, Obdachlose, Verurteilte, Eingesperrte, Gejagte, Mißhandelte, Zornige, Kriegsdienstverweigerer, Verzweifelte, schreiende Mütter in Vietnam, Hippies, Gammler, Fixer, Ausgestoßene, zum Tode Verurteilte. ..."

Aber Kinski kommt nicht weit. ER wird veralbert, Diskussionswütige melden sich zu Wort und wollen reden. Darauf geht Kinski zunächst ein, rastet aber sofort aus, weil IHN Widerspruch, sicherlich auch dieser Rede- und Diskussionskult nervt. Irgendwann bricht ER ab, geht von der Bühne, ER soll in der Gaderobe randaliert haben.

Und: ER kommt wieder. Ein neuer Versuch, auch dieser scheitert. Der dritte Anlauf findet nur noch vor einem stark reduzierten Publikum statt. Es sind die oben beschriebenen, die noch ausharrten, um IHM zuzuhören. Der Rest gab sich mit dem erreichten Eklat zufrieden.

Diese Doppel CD ist hervorragendes Dokument der Zeit. Die vorangestellte Kurzreportage, ist eine gelungene Einleitung zur folgenden Rezitation. Das ausführliche Booklet enthält alle Texte und Zwischenrufe und wird eingeleitet durch einen Zeitzeugen, Volker Kühn, der diese Nacht aus seiner Sicht beschreibt. Bedauerlich sind die hier vermerkten "platten" Attribute "Film-Bösewicht in Jesus Latschen" und "Krach-Kinski". Diese Titulierung öffnet allzuleicht die Schublade "Skandal" und schütz so vor der Auseinandersetzung mit dem Inhalt. In der aktuellen Kinski-Welle, nicht zuletzt durch Herzogs Film "Mein liebster Feind" geschürt, wirft diese Aufnahme noch mal ein besonderes Licht auf diesen großartigen Schauspieler mit Sendungsbewußtsein. Inhaltlich ist dieses leidenschaftliche Credo für eine bessere, menschlichere Welt fernab von Christentum und Esoterik brandaktuell und heute ebenso tragfähig wie '71. Das spricht für die Kunst! Die Reaktionen und die Provokation dieses "Skandals" sind die sehr deutsche Reaktion gerade in den Siebzigern.

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Klaus Kinski spricht das Neue Testament

Ursula Gaisa
Lichtgestalt aus der Hölle
Kinskis "Jesus-Tour" unter einstweiliger Verfügung
nmz Neue Musikzeitung Februar 2000

Wer im vergangenen Kino-Herbst Werner Herzogs geniale Kinski-Hommage "Geliebter Feind" gesehen hat, konnte am Anfang des Films die Skandal-Szene aus der Deutschland-Premiere von Klaus Kinskis "Jesus Christus - Erlöser"-Tournee 1971 in der Berliner Deutschlandhalle "bewundern": KK, damals bereits berühmt-berüchtigt als Badezimmer-Kacheln zermalmender brüllender Derwisch mit dämonischen Filmrollen, reagiert auf respektlose Zwischenrufe, die ihn als "Himmelskomiker" und "alten Ketzer" ausrufen, seinerseits mit Beschimpfungen à la "dumme Sau" oder "halt deine Schnauze!" Er bittet den aufmüpfigen Zuschauer auf die Bühne, lässt ihn nur kurz seine Einwände formulieren, droht dann, ihm mit einer Peitsche eins überzubraten und lässt ihn schließlich von seinen muskelbepackten Leibwächtern entfernen.

Nach einer Viertelstunde Toben und Schreien in seiner Garderobe fängt er noch einmal von vorn an. Mit seiner beeindruckenden Rezitierstimme trägt er eine krude Mischung aus Original-Jesus-Zitaten aus dem Neuen Testament vermischt mit anarchistischen Ideen und Alt-68er-Sprüchen vor - leise säuselnd, introvertiert bis zischend, drohend, brüllend und manchmal ungewollt komisch. Wie hat ihn Werner Herzog, sein Regisseur späterer großer Filme wie "Fitzcarraldo" oder "Aguirre", einmal so treffend bezeichnet: "Lichtgestalt, die aus der Hölle kam".

Ein Triumphzug des Rampengenies und Kraftprotzes KK sollte es eigentlich werden, diese Jesus-Tournee, die - lang ersehnt von den immer noch zahlreichen Fans acht Jahre nach seinem Tod - nun bei Bear Family auf CD erstmals erschienen ist. Daraus wurde aber nichts, das Publikum verstand augenscheinlich sein ernstes Anliegen nicht, Jesus als eine Art Hippie-Übervater für die Benachteiligten dieser Welt zu präsentieren. Nachdem Kinski auch den zweiten Anlauf nach bösen Zwischenrufen unterbrochen und sein Mikrofon erzürnt durch die Gegend geschleudert hatte, blieben von den 3.000 anfänglichen Zuschauern ganze 300 übrig, die sich seine Ergüsse noch anhören wollten. "Wie Blitze und Keulen" wollte er seine Weisheiten "unter die Massen schleudern", die jedoch bald ausblieben.

Die sogenannten Massen wollten ihn aber lieber als dämonischen, halb-wahnsinnigen Edgar-Wallace-Mimen bewundern. So konnten sie ihn einordnen und archivieren. Doch Klaus Kinski ließ das nie mit sich machen, er hatte nie Angst vor Exzessen jeder Art, vor Beschimpfungen oder starken Worten, er wollte aufrütteln, bewegen. Als tobender "Berufsjugendlicher" stellte er sich als Jesusfigur auf eine Stufe mit den Obdachlosen, Gammlern und Fixern auf Duzfuß - auch wenn er Millionengewinne aus seinen Filmgagen auf dem Konto hatte. Solches Agieren musste zum Widerspruch anregen und provozieren.

Das ausführliche dicke Booklet enthält Auszüge aus der Lesung - samt Zwischenrufen und -bemerkungen - und einen erhellenden Begleittext von Volker Kühn, der damals in Berlin wirklich live dabei war. Leider ist die CD im Moment im Handel nicht erhältlich, dafür hat die Witwe Kinskis per einstweiliger Verfügung gesorgt. Die nmz berichtet über den Ausgang.

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Klaus Kinski spricht das Neue Testament

URHEBERRECHT
Predigt-Verbot für Jesus Kinski
Der Spiegel vom 10.01.2000

Auch acht Jahre nach seinem Tod sorgt Klaus Kinski, Enfant terrible der deutschen Schauspielkunst, für Aufregung: Seine Witwe Minhoi Nakszynski hat jetzt per einstweiliger Verfügung des Landgerichts Stuttgart (Geschaeftsnummer 17 O 620/99) dafür gesorgt, dass der Tonbandmitschnitt eines Kinski-Auftritts vom November 1971 nicht mehr auf CD erscheinen darf. Kinski (1926 bis 1991), damals gerade in einer religiösen Phase, war in der Berliner Deutschlandhalle als "Jesus Christus Erlöser" aufgetreten, hatte aus dem Neuen Testament zitiert und dabei, ganz unchristlich, einzelnen Zuschauern Schläge angedroht: "Halt deine Schnauze, damit du hörst, was ich jetzt sage." Kinski selbst habe die Jesus-Aufnahme seinerzeit an einen Mitarbeiter verschenkt, der sie im letzten Jahr an die Plattenfirma Bear Family Records weiterreichte, sagt deren Geschäftsführer Richard Weize. Deshalb dürfe man die Kinski-CD (Auflage: 1000 Stueck) auch veröffentlichen: "Diese Dokumentation ist ein Stück Zeitgeschichte"; Kinskis Witwe habe daran kein Urheberrecht. Gegen die einstweilige Verfügung - bei Zuwiderhandlung droht ein "Ordnungsgeld bis zu DM 500 000" - will sich die Plattenfirma jetzt juristisch wehren. Weize: "Wir lassen uns nicht in die Suppe spucken."

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zuletzt aktualisiert am 04.10.2001