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Klaus Kinski - Nachrufe
 

Wolfram Schütte
KINSKI
Zum Tode des beispiellosen Schauspielers & -stellers
Frankfurter Rundschau vom 27.11.1991

Als Anfang der 60er Jahre einzig sein (Nach-)Name mit den spitzen Vokalen in monumentalen Versalien von den bundesdeutschen Litfaßsäulen einem entgegensprang - und ein Kritiker sich über diese "penetrante und peinliche" Publizitätssucht eines "achtbaren Schauspielers" mokierte, der sich "schon für so berühmt wie Goethe, Schopenhauer und Mozart hält" - war diesem wie jenem schon längst nicht mehr zu helfen. Penetrant (nämlich durchdringend) und peinlich, nämlich gegen den Kodex des "guten Geschmacks" verstoßend, hatte sich der "hemmungslose Selbstdarsteller" in den "schluchzenden Eruptionen" seines "Ich bin so wild nach Deinem Erdbeermund" bereits längst massen- & dauerhaft in die Erlebniswelt eines zwischen Faszination und Abscheu hin- & hergerissenen (jugendlichen) Publikums ergossen. Die Schallplatte, die der Rezitator, der Säle füllte (und leerte!), mit "sündig-schwülen" Villon-Balladen, mit Haß- & Liebestiraden von Majakowski-, Oscar-Wilde-, Rimbaud- oder gar Schiller-Gedichten aufgenommen hatte, gehörte eine geraume Zeitlang zu den rötlich glimmenden Signalements vielversprechender Hauspartys, wenn "die Alten" weg waren. Mehr als Petting war freilich dennoch oft nicht drin.

Pressefoto

In der spießigen Dumpfheit der Adenauer-Ära sorgte einzig der wahrhaft "tollwütige" Exhibitionist Klaus Kinski für gewittrige Entladungen einer öffentlichen. "ungeschützten" Subjektivität und einer extremsüchtigen emotionalen Launenhaftigkeit: ein stimm- & körpergeiler Erotiker des Ungebärdigen. An die "Stones", Frank Zappa oder Alice Cooper war noch gar nicht zu denken, von Jugendrevolte oder "Publikumsbeschimpfungen" hatte noch niemand geträumt, da hatte Klaus Kinski sich (& uns) bereits mit dem skandalisierenden Image des jederzeit vollexplodierenden Medienereignisses alphabetisiert. Erst viel später ist der Kinski-Typus, dessen künstlerischer Weg permanent von persönlichen Skandalen gepflastert war, über deren gesuchte Öffentlichkeit er die Identität eines "Markenzeichens" für alles Exzentrische verschweißte, zu einer inflationären Nachfolgeschaft gekommen: derzeit Madonna auf der einen, Wolf Biermann auf der anderen Seite dieser Medien-Palette.

Der 1926 in Zoppot als Kind polnischer Eltern Geborene, der in seiner Autobiografie das Bild einer verkommenen Kindheit im Berlin der dreißiger Jahre vor Augen stellte - "zwischen Andersen-Märchen und Sozialkitsch" lokalisierte eine Rezensentin diese Phantasmagorie -, hat sich, gegen sich und andere rücksichts- & skrupellos, später so verhalten, als müsse er dem Leben alles, was es zu bieten hat, entreißen wie ein blutendes Stück Fleisch einem rohen Körper. Wie er sich als Schausteller verschwendet hat, hat er an Reichtum und Luxus, Sex und Macht rauschhaft verausgabt, was davon ihm zufiel, seit er seine "Ein-Mann-Wanderbühne" und seine frühen Theaterrollen zugunsten des Films aufgab; der hat ihn - wie ganz wenige deutschsprachigen Schauspieler der Nachkriegszeit - zu einem internationalen Star und Mythos zu Lebzeiten gemacht. Kinski prägte den Mythos um seine Person nicht allein durch seine "satanischen" Rollen aus, sondern unterfütterte ihn ebenso regelmäßig durch seinen ausschweifend skandalträchtigen Lebenswandel.

Als schillerndes Nervenbündel zwischen "Genie und Wahnsinn" hat er seine schauspielerische Gratwanderung begonnen: dem expressiven Pathos übersteigerter Gestik ebenso nahe wie dem oftmaligen Absturz in peinliche Lächerlichkeiten anheimgegeben. Ein "seltsamer Heiliger", der sogar einmal mit einer tumultuösen, bald geplatzten "Erlösungstournee" (1971) das "Neue Testament" zu seinen Exaltationen verbrauchen wollte.

Der "spätromantische Bösewicht", der sich auf der Nachtseite der menschlichen Existenz, bei den Irren, Narren, Psychopathen, den Hellsehern und Killern gemütvoll einrichtete, ist zwischen "Trivialem" und der "Hohen Kunst" seinem Gewerbe immer ohne Bedenken nachgegangen: ob das nun in Bernhard Wickis "Morituri" und Käutners "Ludwig II." war oder in den zahlreichen Edgar-Wallace-Adaptionen der sechziger deutschen Jahre. Italo-Western wie "Töte, Amigo" oder der grandiose "Il grande silenzio" (1968 von Sergio Corbucci) haben ihm dann eine internationale Karriere eröffnet, die er meist von Italien aus, wo er lange Zeit lebte, in wahllos ergriffenen großen und kleinen Rollen zu jenem "bad guy" ausbaute, von dem ein US-amerikanischer Slogan der dreißiger Jahre behauptete, das sei der Mann, den zu hassen das Publikum liebe.

Klaus Kinski war als ein beängstigendes (auch komisch-belustigendes) Leinwand-Phänomen einzig kraft seines Namens, seiner grellen Mimik mit den groß aufgerissenen Augen, dem breitlippig geschwungenen Mund, dem gescheitelten oder später mähnenhaften Haar und dem sehnigen Körper für sich so präsent wie andere "populärmythische" Filmschauspieler nur dank ihrer (Frankenstein- oder Graf-Dracula-).Rollen.

Dieser Kinski hätte ohne Zweifel seinen unvergeßlichen Platz in der Geschichte des Films wie Boris Karloff oder Christopher Lee; aber der unvorhersehbare Glücksfall mit einem Regie- & Phantasie-Maniac wie Werner Herzog zusammengetroffen zu sein, hat die beiden zu einer ebenso katastrophischen wie triumphalen Symbiose aneinandergekettet Aus den Kämpfen & Publicity-Krämpfen, welche die beiden mehrfach aufführten, sind zuletzt Dompteurs-Stücke hervorgegangen, die das Oeuvre Herzogs wie Kinskis auf die Höhe von Meisterwerken schnellen ließen. Vielleicht sogar weniger eben dort, wo Herzog wie Kinski sich selbst am identischsten wähnten; der absurdistische Spätromantiker und der Paganini-Freak in Herzogs "Nosferatu"; sondern viel eher dort, wo Kinski im peruanischen Amazonas-Dschungel den ebenso tollkühnen wie verrückten Conquistador "Aguirre, der Zorn Gottes" (1972) als scheiternden Titan verkörperte; oder neun Jahre später, am gleichen (Amazonas)-0rt als er der Aguirre-Tragik das verrückte, Schiffe über Berge versetzende Gelingen des Kautschuk-Barons "Fitzcarraldo" folgen ließ, der sich in den Kopf und dann in die Welt gesetzt hatte, ein Opernhaus im Dschungel zu bauen. Dazwischen: ein ungemein disziplinierter, kreatürlicher "Woyzeck" (1978); und danach: ein undiszipliniertes, selbstzerstörerisches monstre sacre, das in "Cobra Verde" (1987) ein farcenhaftes Nachspiel auf den kollosalischen Individualismus inszenierte - und dabei auch den "Filmmacher" Herzog in seinen anarchistischen Untergang zog. Sind beide diesem genialischen Desaster wirklich je wieder entstiegen?

Klaus Kinski, der jetzt im Alter von 65 Jahren in Kalifornien gestorben ist. hat wie Brechts "Baal" gelebt- erstaunlich lange und intensiv, ein berserkerhafter Narziß, der nie von sich absehen wollte. Die Spur, die er hinterlassen hat, riß in vierzig Jahren viele zu ihm hin und stieß ebenso viele von ihm ab; er hat sich viel herausgenommen - mehr als sich die meisten unter uns wagten, die nie so hoch pokerten wie er und ihn dafür in einem Atemzug ebenso bewunderten wie verabscheuten. Zwischen diesen extremen Polen elektrisierte sich ihm sein Leben, das er gelebt und vorgeführt hat eines im anderen ununterscheidbar.

Ein Ekel, ein Scheußal, ein Genie, ein Wahnsinniger? Aber auch: ein Narr - beileibe aber nicht "in Christo"; ein Kind, das sich entschlossen hatte, sein Leben lang nicht "erwachsen" zu werden und das unverschämte Glück hatte, es bis zuletzt bleiben zu können.

 

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zuletzt aktualisiert am 11.11.2001