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Klaus Kinski - Nachrufe
 

Heidi Pataki
Klaus Kinski
Der Tod des poetischen Popstars
Forum Nr. 456, Dezember 1991, Wien

Klaus Kinski, der Rezitator! In den fünfziger Jahren hat er mit Gedichten von François Villon, von Rimbaud, von Bert Brecht jedesmal Deutschlandhallen, Fußballstadien, monströse Musentempel mit Publikum gefüllt. Sprichwörtlich waren seine sprachlichen und stimmlichen Exzesse auf der Bühne und seine Resonanz, Tumult und Raserei unter den Zuhörenden. Doch mittlerweile haben sich die Medien mit Macht etabliert und lahmen Massen & Kommunikation. Keine noch so reißerische Boulvard-Version der Bibel, wie er sie sich einfallen ließ, könnte jetzt die Leute hinterm Fernsehschirm hervor locken.

Die literarische Epoche der fünfziger Jahre wirkt heute fern wie der Mond. Der wahre Heißhunger nach Gedichten damals, nach einem rebellischen, anti-bürgerlichen Bild des Dichters, nach einer exzentrischen Ästhetik hing mit der offiziellen und offiziösen Unterdrückung zusammen; mit einer ekelerregend spießigen Vorstellung von Kunst und Literatur, so daß einem heute noch die Haare zu Berge stehen, wenn man daran denkt. Dieses grauenhafte Burgtheater! Dieser ewige grauenhafte Grillparzer! Dieses noch grauenhaftere Opernhaus! Diese unnachahmlich öligen, selbstgefälligen Visagen von Burgschauspielern, die auf der Bühne jedes Wort von irgendeinem halbfaschistischen, halbklerikalen Stückeschreiber hervorknödelten wie Brocken puren Goldes, das auf die Sparkasse gehört! Und erst der debile, händereibende Troß von Geschäftemachern und Nutznießern rund um diese Brut! - Klaus Kinski ist da reingefahren wie ein Blitz. Er war die Verkörperung des "poète maudit", des rasenden, vor echtem Schmerz halb wahnsinnigen Dichters, der mit seiner Sprache, die durchsetzt ist von den vulgären Worten der Straße, den Herrschenden, den Banausen ins Gesicht schreit: "Es tut gut, zu leiden!"

Wonach die Leute wirklich lechzten, hat er genial erfaßt, und er hat sich die richtigen Autoren und Texte für seine schockierenden Auftritte zusammengesucht: Villon, Rimbaud, ein bißchen Gerhard Hauptmann, Brecht, Tucholsky, Majakowski). Und Schiller'sche Balladen! Vom öden Leiern des Aufsagens in der Schule befreit, ließ Kinski sogar die Sprache Schillers schrecklich funkeln wie frischgefaßten Straß.

Es ist allein Kinskis unschätzbarer Verdienst, daß durch ihn ein paar honorige Leute, besonders in dem extrem vermieften Wien, einen Schimmer davon bekamen, was Literatur sein kann, welche Sprengkraft Gedichte haben können -und was für Verwüstungen die NS-Zeit in den Köpfen angerichtet hatte. Man stelle sich vor: Hermann-Löns-Verehrer oder Ginzkey-Liebhaber begannen, Rimbaud zu lesen...

Nach Wien kam Kinski eigentlich nur zufällig durch eine Liebesaffäre; nach einigem Herumkleckern machte ihm ein Manager des Showbusiness ein Angebot: Die Wiener Leichenbestattung feierte ihr fünfzigjähriges Jubiläum, und für die Angestellten war eine literarische Matinée geplant. (Kein Witz!)

In seiner respektlosen, originellen Autobiographie von 1976 (mit der Villon-Zeile als Titel "Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund") erinnert sich Kinski: "Ich schlage den Monolog des Hamlet mit dem Totenschädel auf dem Friedhof vor. Das ist der Leichenbestattung zu makaber. Ich schlage den Faust-Monolog vor. Der ist ihnen zu lang. Ich sage: 'Lassen sie mich nur machen' und streiche den Monolog auf eine Reclamseite zusammen. Bei der Matinée ist alles in drei Minuten vorbei. Den Satz 'Die Erde hat mich wieder' schluchze ich, während ich von der Bühne laufe, und streiche zehntausend Schilling ein. Die Leichenträger und Totengräber, die im Zuschauerraum des Mozartsaals sitzen, haben noch nicht ganz begriffen, daß sie soeben den kürzesten Faustmonolog aller Zeiten gehört haben."

Obwohl Wien überhaupt keine Theaterstadt war, die Schauspieler hier aber immer schon saßen wie die Made im Speck, richtet sich's sogar Kinski nach und nach. Das muß so '57/'58 gewesen sein: Wir Schulmädchen stürmen den Großen Konzerthaussaal, halb erstickt in der Menge. Kinski als "Ketzer von Soana" von Gerhard Hauptmann, in einer Soutane, seine dunklen Augen glühen, glänzen, schimmern tränenumflort, seine Gesten sind abgezirkelt wie die einer Marionette, und seine Stimme füllt den Saal bis zu uns auf den hintersten Stehplätzen: zischelnd, flüsternd, schluchzend, schreiend in Ekstase, dabei jedes Wort klar und deutlich artikulierend... Unerhört! So muß man Dichtung vortragen!

Ich war ganz aus dem Häuschen, begriff erst später den avantgardistischen Gedanken, den geradezu aktionistischen Zubiß, den Kinski da so hedonistisch unter die Leute brachte: Weg mit dem faulen Zauber, Gedichte seien was Privates; raus mit ihnen aus den verstaubten Hinterzimmern von Bibliotheken und Buchläden; in die Ecke mit dem pampigen Gesäusel von Weihe & Stille, mit dem man die Literatur eingemummelt, entschärft hat! Die lebendige Sprache hat nix mit dem monotonen Tonfall der Zeitansage im Telefon zu tun.

Kinski, der obszöne Heilige, der Blasphemiker, der Sexualist... Wenn er auf der Bühne tobte wie ein Affe, männlich-brutal und feminin zugleich, so verkörperte er aber auch genau jene Mischung, die vor allem ein jugendliches Publikum zum Rasen bringt - die Faszination des Bisexuellen.

Nicht umsonst war seine erste Rolle, die ihn in Deutschland berühmt gemacht hat, die einer Frau - in "La voix humaine" von Jean Cocteau.

Lange, bevor es eine spezifische Jugendkultur" gab, lange, bevor es die Pop-Musik gab, vor den Beatles, den Rolling Stones, ist Klaus Kinski der erste Pop-Star gewesen. Er war sozusagen der Mick Jagger der gebildeten Stände.

Als Bürgerschreck gab Kinski am Wiener Burgtheater nur ein kurzes Gastspiel, und es muß als Illustration für das einstige geistige Klima erwähnt werden. Durch Protektion gerät er an den Direktor Adolf Rott - Kinski soll den Torquato Tasso spielen; Raoul Aslan, der Regisseur des Stücks, sagt zu Kinski den bezeichnenden Satz:

"Denken Sie daran, Tasso ist wie Toni Sailer, wenn er mit hundert Stundenkilometern eine Skipiste herunterfegt!"

Kinski verändert nach seiner bewährten Methode, die er offensichtlich Brecht abgeguckt hat (mit ihm war er auch einmal kurz in Ostberlin zusammen), den geheiligten Goethe'schen Text: "Ich darf unmöglich Sätze sagen wie ,Laß mich an deinem Busen liegen'..." Die Aufführung wird zum Skandal ("Kulturschänder!"), Kinski wird geschaßt und flüchtet nach München. Aus dem neuen Kainz, den Wien sich da krallen wollte, ist nichts geworden.

Aktionist, der er war, hat Kinski das Herumfuhrwerken in fremden Texten, die literarische Paraphrasierung immer beibehalten. Ironie der Geschichte: Gerade bei Brecht-Gedichten, die Kinski, seinem großen Vorbild gemäß, ein bißchen ummodelte, biß er sich an Helene Weigel die Zähne aus - eine Schallplatte fiel ins Wasser.

Überhaupt begann das Schiff der Literatur langsam zu sinken. Auf einmal war es aus mit dem poetischen Pop-Star; Kinski warf sich dem schwachsinnigen deutschen Film in die Arme, als Bösewicht vom Dienst in den serienweise heruntergekurbelten Edgar-Wallace-Filmen, bei denen einem der Magen sich umdreht, wenn sie unerbittlich wieder im Fernsehen laufen. Der Rebell der Literatur, der "poète maudit", wurde zum ehrwürdigen Fossil. Selber schuld? Keineswegs.

In den frühen sechziger Jahren konnte man nicht nur als Deklamator von Versen zur Berühmtheit gelangen - sogar als Macher von Versen glückte das noch: Ingeborg Bachmann, et alii. Dann mußte die Literatur abwirtschaften, sie ist im allgemeinen Ansehen der Leute immer kleiner und kleiner geworden und durfte sich nicht mehr blicken lassen. "68" und die Folgen... Harmlose Gedichtschreiber & -schreiberinnen wurden zu "Handlangern des Kapitals" erklärt. Kinski ist aus der Dichtung, aus dem Theater raus- und in den Film reingetaumelt. Er ist in die Falle gegangen.

 

 

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zuletzt aktualisiert am 18.11.2001