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Klaus Kinski - Nachrufe
 

Rainer Nolden
Vom Irrwitz eines wilden Lebens
Die Welt vom 27.11.1991

Hinter einem übersteigerten Selbstwertgefühl, dem exzessiven Drang zur Selbstdarstellung, sagt der Psychologe, verberge sich nicht selten der Abgrund eines Minderwertigkeitskomplexes. Vielleicht stimmt das ja. Aber mehr als ein Schulbeispiel der Psychoanalyse war der schillernde Nikolausz Günther Nakszynski alias Klaus Kinski das exotischste Show-Produkt, dessen Deutschland sich hätte rühmen können, wenn es gewollt hätte.

Aber Deutschland wollte nicht In den säuberlichen Gehegen der Stadttheater, in den lustig-besinnlichen Brutstätten deutscher Filmkunst der fünfziger und sechziger Jahre war kein Platz für wilde Tiere. Ein solches glaubte er wohl zu sein: "Ich bin ein Tier, ich bin überhaupt kein Mensch. Das ist ein großer Irrtum, daß die Leute mich als Menschen behandeln." Solche Sprüche liebte Kinski, der am 18. Oktober 1926 im polnischen Zoppot geboren wurde und, wenn man seinen Angaben glauben darf, in Berlin eine schauerliche Kindheit erlebte, die nur zwei Existenzformen offenließ: Versumpfen in der Unterwelt oder Kompensation durch ein total verrücktes Erwachsenendasein.

Pressefoto

Kaum jemand hielt ihn in seinen Anfangen für einen ernstzunehmenden Schauspieler, und die wenigen. die es taten - Boleslaw Barlog zum Beispiel -, wurden von Kinski schroff brüskiert. So entstand rasch das Bild vom ausgemachten Ekel - ein Image, an dem Klaus Kinski selbst lebenslang gefeilt hat, gefiel er sich doch ausgesprochen m der Rolle des skandalösen Außenseiters, des irritierenden Störenfrieds. Dies alles, würde unser Psychologe sagen, war jedoch nur ein Verzweiflungsschrei nach Anerkennung, die der in und von seiner Kindheit Gebeutelte brauchte wie ein Süchtiger die Drogen. Die Schauspielerei war ihm dabei nicht Exhibitionismus genug; er entblößte Körper und Seele hemmungslos auch in seinen wilden Lebenserinnerungen, wo er sich überdies, ausgesprochen detailfreudig und ohne übertriebenen Hang zur Diskretion, zum omnipotenten Liebhaber verherrlicht.

Nein, Klaus Kinski war durchaus kein so schlechter Schauspieler, wie es seine Skandale glauben machen könnten. Für manche, zuletzt für den Regisseur Werner Herzog, der ihn mit seinen Filmen "Aguirre, der Zorn Gottes", "Fitzcarraldo" und "Nosferatu" in die erste Riege der filmenden Weltstars hievte, war er ein Genie. Was den Belobigten nicht daran hinderte, Herzog seinerseits für ein "Arschloch" zu halten, das vom Film soviel Ahnung hatte wie eine Jungfrau vom..., nun ja, man kann sich denken, wie der Satz bei Kinski, stets ein Freund unverblümter Diktion, endete.

Daß Kinski es im verstaubten Stadttheaterbetrieb der fünfziger Jahre nicht aushielt, ist kaum verwunderlich. Mit den Regiepatriarchen und Intendantengöttern hatte er sich spätestens nach Vertragsunterzeichnung regelmäßig in den Haaren. "Was sollten mir die Regisseure schon erzählen?" - diese Frage prädestinierte ihn nicht gerade fürs Ensemble-Theater. Die einzig mögliche Konsequenz: ein Ein-Mann-Betrieb. Er begann mit Cocteaus Monodram "Die geliebte Stimme", geschrieben für eine Frau. Für Kinski kein Hindernis, für das prüde Berlin anfangs der 50er Jahre ein Skandal: Die Vorführung des als Frau Verkleideten wurde verboten. Als "Ein-Mann-Wanderbühne" zog er ab 1953 durchs Land, rezitierte Rimbaud, Villon - dem er sich im Geiste am nächsten fühlte -, Nietzsche, Tucholsky und das Neue Testament.

Landesweit bekannt wurde Kinski durch seine Auftritte in den biederen Edgar-Wallace-Verfilmungen der sechziger Jahre. Er war auf die Rolle des undurchsichtigen Schurken abonniert - und er war der einzige, der diesen albernen Filmen ein Gütesiegel aufgeprägt hat, einen Hauch von Internationalität, denn so einen wie Kinski hatte der deutsche Film bis dahin nicht erlebt - und der amerikanische, nebenbei gesagt, auch nicht: Sein wildes Leben hätte ihm im heuchlerischen Hollywood noch mehr im Weg gestanden als hierzulande, wo Herr Biedermann begierig auf des Brandstifters jüngste Schlagzeilen in der Gossenpresse wartete. Die Filme (wie die meisten seiner rund 160), da befindet sich der Mime in seltener Übereinstimmung mit seinen Kritikern, waren alle "zum Kotzen", aber sie brachten das Geld, das er für seinen aufwendigen Lebensstil brauchte.

Kinski spielte nicht, er war der König, der Bettler, der Mörder, das Opfer, der Wahnsinnige. Er habe immer alles gegeben, bekannte er, und da könne es durchaus sein, daß man wahnsinnig werde. Hier schließt sich der Kreis im Leben und Werk des Klaus Kinski: Sein exzessives Dasein rechtfertigt er mit dem Wahnsinn seiner Filmfiguren, die er nur deshalb so überzeugend zu spielen vermochte, weil er den Irrwitz seines Lebens einbringen konnte.

In San Francisco ist Klaus Kinski, der 65 Jahre alt wurde, "eines natürlichen Todes" gestorben. Er selber, glaubt unser Psychologe, hätte dies für ein ärgerlich unspektakuläres Ende gehalten.

 

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zuletzt aktualisiert am 23.11.2001