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Klaus Kinski
gestorben
Die aufsässige Begierde nach dem Absoluten
Neue Zürcher Zeitung vom
27.11.1991
San Francisco, 26. Nov. (dpa) Der deutsche
Bühnen- und Filmschauspieler Klaus Kinski ist in
seinem Haus in Lagunita [sic] bei San Francisco im
Alter von 65 Jahren gestorben. Wie erst in der Nacht
zum Dienstag bekannt wurde, war Kinski bereits am
Samstag von Verwandten in seiner Wohnung tot
aufgefunden worden. Klaus Kinski, am 18. Oktober 1926
in Zoppot bei Danzig als Nikolausz Günther
Nakszynski geboren, war insgesamt viermal
verheiratet.
ms. Seiner Autobiographie Ich bin so wild nach
deinem Erdbeermund (1975) hat Klaus Kinski für
die französische Ausgabe den Titel Crever pour
vivre gegeben: Er wusste, besser als jeder andere,
wie er sich selber, der ein lebendes Paradoxon war,
zu beschreiben hatte. Die Autobiographie, in einer
Sprache abgefasst, die sein Leben in keiner Hinsicht
zu einer "Laufbahn" glättete, war ein
Schrei aus Liebe und Hass. Sie erregte, wie fast
alles, was Klaus Kinski in seinem Leben als
Schauspieler tat, Skandal.
Ein Skandal war, dass er auf der Bühne in
Jean Cocteaus La voix humaine jene Frau spielte, die
von Einsamkeit zerschlissen, pausenlos am Telefon
redet; für Kinski bedeutete das keine
Provokation, war vielmehr Gehorsam gegenüber
seinem Instinkt, in dieser Rolle am Platz zu sein.
Ein Skandal auch, dass er, im Jahr 1971, das Neue
Testament rezitierte, es anders interpretierend, als
die Frömmigkeit es wahrhaben wollte, Jesus als
Tempelschänder und Aufständischen
darstellte: Die Menge, die den Sportpalast in Berlin
füllte, brüllte Abend für Abend.
Niemand entkam ihm; dass das Publikum manchmal noch
während Stunden im Saal ausharrte, obwohl der
Vorhang längst gefallen war, stärkte wie
alles sonst, was er tat und was er äußerte,
seine Legende. Und auch diese war für viele ein
Skandal.
Man wird, jetzt über seinen Tod hinaus,
rätseln, wer Klaus Kinski wirklich war. Gewiss,
ein großartiger Schauspieler, der sich als der
Katalysator jener Kraft verstand, die er anderen
Menschen stets habe mitteilen wollen. Das Absolute
erschien ihm gerade angemessen genug, und der Griff
nach ihm machte ihn aufsässig, großzügig
und hart, zärtlich und gehässig,
undurchdringlich und brutal, hitzköpfig und
humorvoll.
Der Film holte ihn früh, entfernte ihn
bald einmal ganz von der Bühne, die ihm wenig
mehr zusagte, nachdem Fritz Kortner, der tyrannische
Meister, der mit ihm auskam, gestorben war. Mehr als
zweihundert Filme [sic!] hat er gedreht. Keiner
dünkte ihn, wenn er nur in geringsten Rollen
seine Aura zum Strahlen bringen konnte, zu wertlos.
Obgleich er sich natürlich, mit seinem Urteil
jeweils hart, über ihre Werlosigkeit im klaren
war. Er verspottete die Phantasielosigkeit vor allem
der deutschen Filmemacher, die ihn - etwa in den
zahlreichen Edgar-Wallace-Krimis der sechziger Jahre
- stets nur als Bösewicht vorzeigten: obwohl er
einen Bösen nie anders als einen Menschen der
Zwiespälte spielte.
Und dennoch war es natürlich ein
Deutscher, Werner Herzog, zu dem Klaus Kinski, in
Freundschaft und Streit, gehörte. Er hielt sich
selber für gut beraten, würde er nur mit
Werner Herzog Filme drehen, sagte er, und dieser
wiederum nannte ihn ein Genie, totz allem. Aguirre,
der Zorn Gottes (1972), Nosferatu, Phantom der Nacht
(1978) und Woyzeck (1979), Fitzcarraldo (1981) und
Cobra Verde (1987): es sind diese Rollen - Aguirre,
der von Ruhmsucht zerfressene Konquistador, und
Nosferatu, der Vampir, insbesondere -, die das Bild
eines Mannes prägten, der beängstigend aus
den Nähten platzt. Wer verlöre seinen
SS-Offizier aus dem Gedächtnis, der sich im
Schlaf in seine Unschuld zurückträumt (in
Kinder, Mütter und ein General, 1955, von Laszlo
Benedek)? Und wer denn könnte ihn vergessen, vor
allem als Star des französischen Films, in
seinen vielschichtigen Rollen der schizophrenen
Doppelpersönlichkeit? Jeder seiner
Bösewichte, die er in deutschen und dann in
italienischen Wildwestern spielte, war interessant,
doch aus der langen Reihe dieser Filme bleiben zwei
oder drei: Sergio Leones Per qualche dollaro in
più (1965), Damiano Damianis Quién
sabe? (1966) und Sergio Corbuccis Il grande silenzio
(1968).
Der Kopfgeldjäger Loco, ein Racheengel,
eine von Klaus Kinskis quälendsten Rollen, war
in Il grande silenzio so geformt, dass keinem
entgehen konnte, wie genau jeder gute Filmemacher
diesem Schauspieler einen Part entgegensetzte, der
standhielt: jeweils einen Schauspieler also, hier
Jean-Louis Trintignant, der gleichermaßen stark war.
Auf der Kinoleinwand waren solche Konfrontationen
dann jener Genuss, der dort entsteht, wo das
Maß des realistischen Glaubhaften in das
Abenteuer des Maßlosen aufgesprengt
wird.
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