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Verena Lueken
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Exzentrisch, unverschämt und ordinär - Klaus Kinski, den kaum jemand mochte, war seit Jahrzehnten ein Lieblingskind der Medien. Jedes Interview, jede Talk-Show mit ihm barg die Möglichkeit des Skandals. Er pöbelte und fluchte, räkelte sich unflätig auf den Couchgarnituren der Fernsehstudios, kraulte sich zwischen den Beinen, kippte Säcke von Beleidigungen über Anwesende und Nicht-Anwesende und gefiel sich in der Rolle des ewig potenten bösen Königs unter lauter biederen Hofschranzen. Kinski hat wahrscheinlich sein Leben lang, spätestens aber seit den fünfziger Jahren daran gearbeitet, in der Öffentlichkeit jeden Rest seiner Alltagspersönlichkeit zu zerstören und sich in der Rolle des triebhaften Wilden zu präsentieren, als der er am Theater und im Film erfolgreich war. Diese künstliche Identität von Rollenbildern und Selbstinszenierung macht es fast unmöglich, Kinski als Schauspieler zu würdigen, ohne ihn gleichzeitig als Mann abzuwehren, der sein Herrenmenschentum als animalischen Wahnsinn und antipodischen Protest gegen die instrumentelle Vernunft drapierte. |
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Zu Beginn der siebziger Jahre fand Klaus Kinski, der aus Zoppot in Ostpreußen stammte und eigentlich Nikolausz Günther Nakszynski hieß, in dem deutschen Regisseur Werner Herzog einen Partner, der mit ihm die Haltung des Märtyrers der dunklen, unbeherrschbaren Abgründe der menschlichen Seele teilte. Um die Dreharbeiten zu allen Filmen, die sie gemeinsam realisierten, ranken sich Legenden, Anekdoten und Schauermärchen: von Kämpfen bis aufs Blut, mörderischen Gefahren, unvorstellbaren Strapazen und Abenteuern, hinter deren Wucht die Werke selbst in der Regel zurückblieben. Schon in dem ersten, 1972 entstandenen Film "Aguirre, der Zorn Gottes", bei dem Kinski für Herzog vor der Kamera stand, konnte der Schauspieler die Rolle des verzweifelten Menschenfeinds, der als Geißel des Zorns Gottes unter Frauen und Sklaven wütet und dessen Gier nach Gold ihn direkt vors Jüngste Gericht führt, nur passagenweise plausibel machen. Als Schauspieler seiner selbst bereits völlig verausgabt, wirkte seine Darstellung hier, wie auch in seinen späteren Filmen, so äußerlich und überzogen, als habe er keine lebendigen künstlerischen Ressourcen mehr, aus denen er in seiner Arbeit schöpfen konnte.
Klaus Kinskis Karriere begann im Jahr 1953 in Berlin. Nach einer abgebrochenen Schulausbildung und nach der Rückkehr aus britischer Kriegsgefangenschaft hatte ihn Borislaw Barlog auf Grund erster Rollen am Theater in Tübingen und Baden-Baden nach Berlin geholt. Doch schon nach kurzer Zeit brach Kinski mit Barlog, warf ihm die Fensterscheiben seiner Privatwohnung ein und begann seine Laufbahn als Exzentriker der Bühne und des Lebens. Es ist fast ein Treppenwitz dieser frühen Theaterjahre, daß der erotomane Frauenhasser Kinski seinen ersten triumphalen Erfolg mit Jean Cocteaus Einakter "La voix humaine" feierte - verkleidet als Frau in schwarzem Pyjama und Perücke, die am Telefon in eineinhalbstündigem Dialog dem Geliebten nachtrauert, der sie verlassen hat, und die sich am Ende mit der Telefonschnur erdrosselt.
Neben seiner Theaterarbeit machte sich Kinski in dieser Zeit als Rezitator und Lyrik-Interpret der Werke Baudelaires und Nietzsches, Villons und Dostojewskijs einen Namen. Seine heisere Stimme, die beben, geifern oder lefzen konnte, eignete sich hervorragend für die große akustische Geste, die vor allem die Balladen Villons brauchen, um zu explodieren, wie der Dichter es wollte. Einige seiner Rezitationen sind heute noch auf Schallplatten erhältlich.
International bekannt indes wurde Klaus Kinski mit seiner Arbeit beim Film. Er war bereits seit der zweiten Hälfte der vierziger Jahre immer wieder m Spielfilmen zu sehen, doch der Anfang seiner eigentlichen Filmkarriere liegt in den frühen sechziger Jahren. In ungezählten Edgar-Wallace-Filmen trat er als Nebendarsteller in der Rolle des pathologisch verklemmten, endlos pubertierenden Schwächlings auf, der im wallenden Nebel Londons umherirrt. Aus diesen Rollen bildete sich das Klischee des dem Wahnsinn nahen Bösewichts, aus dem unvermutet plötzlich die ganze verdrängte Triebkraft ausbrechen kann, der sich Kinski bis zu seinem Tode brüstete. Der Mann, der die Frauen haßte, weil er sie fürchtete, mit seinen Bettgeschichten, von denen er in zwei Büchern und zahllosen Interviews wie ein Kriegsberichterstatter erzählt, der gerade noch einmal davongekommen ist, fand diese Filme - wie auch seine späteren - allesamt "zum Kotzen".
Mindestens zwei herausragende Rollen immerhin hat Klaus Kinski gespielt: den unglücklichen Vampir in Werner Herzogs schwülstigem Murnau-Remake "Nosferatu", das ihm mehrere Auszeichnungen als bester Schauspieler des Jahres 1980 einbrachte, vor allem aber die des Kopfgeldjägers in Sergio Corbuccis "Il Grande Silencio" ("Leichen pflastern seinen Weg"). Der Italo-Western in seiner Mischung aus ästhetischer Gewalt, sentimentalem Männlichkeitswahn und wahrem Zynismus war das einzige Genre, in dem Kinskis besinnungslos sich selbst plagiierende Darstellung eine Ahnung gebrochener Authentizität vermittelte. Klaus Kinski wurde jetzt, nur wenige Wochen nach seinem fünfundsechzigsten Geburtstag, an seinem Wohnort in Hollywood tot aufgefunden.
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Triptychon Boris Vian François Villon Klaus Kinski Links Autor Gästebuch Kontaktzuletzt aktualisiert am 11.11.2001 |