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Klaus Kinski Nachrufe
Klaus Kinski - Schauspieler
CineGraph 1992
Klaus-Günther Nakszynski, geboren am 18.
Oktober 1926 in Zoppot/Ostpreußen (heute:
Sopot, Polen), Sohn des Apothekers Bruno Nakszynski
und seiner Frau Susanne, geb. Lutze, einer
Pfarrerstochter aus Danzig-Langfuhr. 1931/32
übersiedelt die Familie nach Berlin; ab 1936
Besuch des humanistischen Prinz-Heinrich-Gymnasiums,
Berlin-Schöneberg, bis zur Untersekunda.
Während des zweiten Weltkriegs in einem
HJ-Wehrertüchtigungs-Lager in den Niederlanden,
dann in englischer Kriegsgefangenschaft; im Lager
erste Auftritte als Schauspieler vor den
Gefangenen.
Nach Kriegsende hat Kinski angeblich seine
ersten Engagements in Baden-Baden und Tübingen.
Nachweislich tritt er 1946 zum erstenmal, von
Bloeslaw Barlog verpflichtet, in Berlin auf, in einer
Inszenierung Willi Schmidts von Hauptmanns DIE RATTEN
(Schloßpark-Theater, 8.11.1946). 1947/48
Engagement am Theater in der Kaiserallee: Jean
Cocteaus DIE SCHREIBMASCHINE (21.10.1947); Ibsens DIE
GESPENSTER (25.3.1948); beide Inszenierungen von Otto
Graf. Unter der Regie von Wolfgang Langhoff spielt er
in Shakespeares MASS FÜR MASS in den
Kammerspielen des Deutschen Theaters (15.10.1952); am
Hebbel-Theater in Julien Luchaires DIE
ZWANZIGJÄHRIGEN (R: Walter Süssenguth,
16.2.1952). Großen Erfolg hat er in einer
Produktion der Berliner Festwochen 1952: Als
Fürst Myschkin ist er der Partner der Ballerina
Natascha Trofimowa in Tatjana Gsovskys Inszenierung
von Hans Werner Henzes Ballettpantomime DER IDIOT
nach Dostoevskij (Hebbel-Theater, 1.9.1952).
Zeitweise übernimmt er Gastrollen in der
Bundesrepublik und in Österreich: Im Drama
ISKENDER des Dachauer Studienrats Leo Stettner spielt
er Alexander den Großen (Theaterstudio des
Textilfabrikanten Hermann Fink, München); am
Bayerischen Staatsschauspiel gastiert er als Prinz
Heinz 1956 in Fritz Kortners Inszenierung von
Shakespeares HEINRICH IV. und als Saint-Just in
Büchners DANTON. Am Burgtheater Wien tritt er in
der Titelrolle von Goethes TASSO auf. Als eigenes
Projekt realisiert Kinski in einem Saal am
Kurfürstendamm Jean Cocteaus DIE GELIEBTE
STIMME. Die Aufführung, in der er mit
Perücke und schwarzem Pyjama auftritt, findet
trotz polizeilichem Verbot statt, wird
schließlich mit Gewalt abgesetzt. 1959 spielt
er unter Rudolf Noeltes Regie an der Freien
Volksbühne Berlin in einem Programm mit dem
Titel ILLUSIONEN (16.11.1959), in dessen Verlauf
Schnitzlers DER GRÜNE KAKADU, Wedekinds DER
KAMMERSÄNGER, Dürrenmatts ABENDSTUNDE IM
SPÄTHERBST aufgeführt werden.
Ab 1953 tritt Kinski als Rezitator auf,
zunächst im Quartier Bohème, einem
Charlottenburger Künstlerlokal, dann u. a. in
der Berliner Kongreßhalle. Vor allem mit
Gedichten Villons, Rimbauds und Schillers schafft er
sich eine Fan-Gemeinde. Sein exaltierter Sprechstil,
besonders seine kongeniale Interpretation der
Nachdichtungen Paul Zechs von
Villon-Balladen, seine oft rüden
Publikums-Beschimpfungen machen seine Auftritte zu
Happenings. Die Brecht-Erbin Helene Weigel und der
Suhrkamp-Verlag untersagen ihm den Vortrag von
Brecht-Gedichten, nachdem er eigenmächtige
Kürzungen und Veränderungen vorgenommen
hat. Er unternimmt Tourneen durch die Bundesrepublik,
Österreich und die Schweiz, produziert etwa 25
Schallplatten mit seinen Rezitationen. 1971 versucht
Kinski mit Lesungen von Evangelien-Texten an seine
frühen Erfolge anzuknüpfen; sein Auftritt
in der Berliner Deutschlandhalle muß unter
tumultuösen Umständen abgebrochen
werden.
Seit 1948 ist Kinski auch als
Filmschauspieler, zunächst in kleinen Rollen, so
als holländischer KZ-Häftling in der Artur
Brauner-Produktion MORITURI, als Transvestit in
Roberto Rossellinis LA PAURA. 1953 scheitert ein
gemeinsames Projekt mit Thomas Harlan "über
die jüdische Leidensgeschichte von
Theresienstadt bis Tel Aviv" (Der Spiegel,
22.2.1961) - Harlan wird aus Israel ausgewiesen. In
Käutners LUDWIG II. ist er der geisteskranke
Prinz Otto, in der Erich Pommer-Produktion KINDER,
MÜTTER UND EIN GENERAL unter der Regie von
Laszlo Benedek spielt Kinski einen Leutnant, der
nicht lachen kann. Fritz Kortner überträgt
ihm die Rolle des Attentäters in
SARAJEWO.
Mit DIE TOTEN AUGEN VON LONDON beginnt eine
Reihe von Edgar Wallace-Filmen, zu deren festem
Personal Kinski wird, nach eigener Aussage, um Geld
zu machen. Meist wird er als Schurke eingesetzt,
spielt psychopathische Typen, undurchsichtig,
schemenhaft. Mit seinem überdreht albernen
Gegen- und Mitspieler Eddi Arent ist er
dramaturgischer Fixpunkt in den banalen,
vordergründigen Inszenierungen. Kinski macht aus
Chargenrollen Staruftritte. Er ist - weder im Theater
noch im Film - ein Ensemblespieler. Seine Auftritte
sind wie isoliert, seine Figuren stets
prägnante, in den Nuancen bewußte
Charakterstudien.
Ab Mitte der 60er Jahre - Kinski verlegt 1964
seinen Wohnsitz nach Rom - sind seine
"Kabinettstücke" auch inernational
gefragt. In Sergio Leones Spaghetti-Western
PER QUALCHE DOLLARO IN PIÙ ist er ein
buckliger Revolverheld, nervös, eine mies
behandelte, darum mies gewordene Kreatur. In David
Leans DOCTOR ZHIVAGO spielt er einen Gefangenen, der
in einem Zug mitgeführt wird und seine
Mitreisenden schmäht, er selbst sei der einzig
freie Mensch. Sergio Corbuccis klassischer
Schnee-Western
IL GRANDE SILENZIO hebt sich nicht zuletzt durch
Kinskis Darstellung des Kopfgeldjägers Tigrero
aus der Masse der europäischen Western
heraus.
Fortan spielt Kinski, der sich zu diesem
Zeitpunkt um die Qualität der Rollen offenbar
wenig schert, oft in schnell abgedrehten, zweit- und
drittklassigen Produktionen: Italo-Western, exotische
Abenteuerfilme, Horror-Klamotten, Kriegs-Spektakel,
James Bond-Plagiate. (Eine präzise
filmografische Erfassung dieser Phase ist kaum
möglich, da die Filme oft umgetitelt, bisweilen
nur angekündigt, bzw. gar nicht herausgebracht
wurden. Ein Teil dieses filmischen Bodensatzes wird
durch Video-Vermarktung wieder nach oben geschwemmt.)
Klaus Kinski ist - kontimuierlich, selbst bei
kleinsten Auftritten - ein Star,
geliebt-gefürchtetes enfant terrible, das den
voyeuristischen Erwartungen seines Publikums
nachkommt. In seiner Rollenauffassung, so gering die
darstellerischen Anforderungen auch sein mögen,
ist er immer professionell, beherrscht seine Posen,
setzt seine exzentrisch-laszive Gestik geschickt ein.
Zu einem Markenzeichen wird sein ironisch verspieltes
Grinsen.
Erst Anfang der 70er Jahre, in der
Zusammenarbeit mit Werner Herzog, findet Kinski einen
kongenialen künstlerischen Widerpart, der ihm -
bei bisweilen turbulenten Dreharbeiten - seine
reifsten Leistungen abfordert. In
AGUIRRE, DER ZORN GOTTES spielt er einen dem
Wahnsinn verfallenen spanischen Conquistador.
"Der von Herzog gebändigte und dabei
manchmal beängstigend aus den Nähten
platzende Kinski verkörpert ihn genau richtig,
als einen windigen, doch hemmungslosen Diktator, der
nicht in den glänzenden Kinohimmel gehoben wird,
sondern von Herzog so banal und handfest
vorgeführt wird, daß man ihm ständig
auf die Finger und in den Kopf schauen kann."
(S. Schober, Süddeutsche Zeitung, 19.4.1973). In
NOSFERATU verkörpert er leise und
verletzlich, überlebensmüde, den Grafen
Dracula: eine zarte Person. In der
Büchner-Verfilmung
WOYZECK ist er die geschundene Titelgestalt. Als
FITZCARRALDO - dessen Rolle Kinski
übernimmt, als die ursprünglich
vorgesehenen amerikanischen Stars Herzog und seine
Urwald-Produktion im Stich lassen - ist er, mit dem
überzeugend naiven Vertrauen zu großer
Geste, eine tragikomische Gestalt.
Ende der 60er / Anfang der 70er Jahre spielt
Kinski vorwiegend in italienischen Produktionen, ab
Mitte der 70er vor allem in französischen
Filmen. 1974 übernimmt er neben Romy Schneider
in Andrzej Zulawskis Melodram L'IMPORTANT
C'EST D'AIMER die Rolle eines Schauspielers,
der nur noch in zweitklassigen Theatern spielt. 1981
setzt ihn Billy Wilder in einer komischen Rolle als
Dr. Zuckerbrot, den neurotischen Chefarzt einer
Sexklinik, in BUDDY BUDDY ein.
Es kommt 1987 noch einmal zur Zusammenarbeit
mit Herzog. Bei den Dreharbeiten zu
COBRA VERDE - dokumentiert in Steff Grubers
LOCATION AFRICA - eskalieren die Spannungen zwischen
dem ratlosen Regisseur und seinem Star. Kinski
erzwingt die Ablösung des Kameramannes Thomas
Mauch, verursacht wochenlange Drehunterbrechungen.
"Ich hatte pausenlos vor der Kamera zu stehen.
Stritt und schlug mich mit Herzog herum. Mußte
um jede Einstellung hartnäckig kämpfen.
Wünschte Herzog mehr denn je die Pest auf den
Hals. Er war noch dümmer, noch hilfesuchender
und zugleich noch widersetzlicher gegen mich als
während der vergangenen vier Filme, die ich mit
ihm gedreht hatte. Obwohl er meine Hilfe brauchte und
auch so tat, als küßte er mir den Arsch
dafür, tat er hinter meinem Rücken das
Gegenteil. [...] Die Ghanesen sind ein freundliches
sanftes Volk. Gerade das kam Herzog zugute. Ich
kannte seine Verknechtungsmethoden aus Peru, wo er
sich immer auf die Wehrlosesten geworfen und wo ich
ihn Adolf Hitler genannt hatte. In Ghana
übertraf er sich selbst." (Kinski,
1991)
Kinski kann 1987 / 88 ein Projekt realisieren,
an dem er seit Jahren arbeitet:
KINSKI - PAGANINI. Er selbst schreibt das
Drehbuch ("Die Struktur meines Films ergab sich
aus dem Instinkt: Noten. Noten der Musik. Noten der
gefilmten Bilder (und Dialoge). Noten der
Gefühle. Alles andere würde ich
während des Drehens entscheiden."),
verhandelt und streitet mit Produzenten, führt
Regie, verkörpert die Titelrolle, entwirft Titel
und Poster und beschreibt den Kampf um das Projekt in
einem Buch. Auch versucht er, seine Kinder in das
Projekt zu ziehen: Sein Sohn ("Babyboy")
Nanhoi spielt Paganinis Sohn. "Meiner Tochter
Nastassja hatte ich seit ihrem sechzehnten Lebensjahr
die Rolle der Baronin Helene von Feuerbach zugedacht;
der Frau, die Paganini so leidenschaftlich liebte,
daß sie mit ihm ihren Ehemann betrog und
Paganini bis zur Hörigkeit verfiel. [...] Doch
ihr [Nastassjas] Mann drohte ihr, sie mit ihren zwei
Kindern zu verlassen, falls sie mit mir drehen
würde." Der Film wird vom Filmfestival in
Cannes abgelehnt, und erlebt am 17.12.1988 in Paris
in einer von Kinski arrangierten Gala im Opernhaus
seine Premiere (der Film kommt zuvor nur in Japan in
die Kinos).
Kinski ist ein Extremist der Gefühle,
einfühlsam und herrisch, fahrig und
konzentriert: ein schauspiel(r)ndes Luder. In
Interviews verweigert er die Antwort, steigert sich
in monomanische, zuweilen degoutante, Tiraden - oder
schweigt. "Klaus Kinski war als ein
beängstigendes (auch komisch-belustigendes)
Leinwand-Phänomen einzig kraft seines Namens,
seiner grellen Mimik mit den groß aufgerissenen
Augen, dem breitlippig geschwungenen Mund, dem
gescheitelten oder später mähnenhaften Haar
und dem sehnigen Körper für sich so
präsent wie andere
"populärmythische" Filmschauspieler
nur dank ihrer (Frankenstein- oder Graf Dracula-)
Rollen." (Schütte, 1991)
Kinski veröffentlicht 1975 seine Memoiren
ICH BIN SO WILD NACH DEINEM ERDBEERMUND, in denen er
Teile seiner biografischen Daten verschleiert bzw.
melodramatisch ausschmückt. Seine Brüder
Arne und Hans-Joachim Nakszynski wenden sich in einer
Gegendarstellung (Die Welt, 18.10.1975) wegen
"gemeiner Verleumdung und verlogener
Selbstdarstellung" gegen bestimmte Passagen
seiner Darstellung. Die - zunehmend von
pornografischen Passagen durchsetzten - Memoiren
erscheinen mehrfach überarbeitet auf englisch
(All I Need Is Love) und deutsch (Ich brauche Liebe).
Die Fernsehsender lieben seine gefürchteten
Auftritte: "Jedes Interview, jede Talk-Show mit
ihm barg die Möglichkeit des Skandals. Er
pöbelte und fluchte, räkelte sich
unflätig auf den Couchgarnituren der
Fernsehstudios, kraulte sich zwischen den Beinen,
kippte Säcke von Beleidigungen über
Anwesende und Nicht-Anwesende und gefiel sich in der
Rolle des ewig potenten bösen Königs unter
lauter biederen Hofschranzen." (Lueken,
1991)
Kinski ist viermal verheiratet: mit Gislint
Kühlbeck (Tochter Pola, geb. 1952), 1955
geschieden; 1960-68 mit Ruth Brigitte Tocki (Tochter
Nastassja, geb. 1961); 1971-81 mit Geniève
Minhoi (Sohn Nanhoi); 1987 mit der 17jährigen
Deborah Caprioglio (Trennung 1989). Klaus Kinski
stirbt am 22. November 1991 in Labunita bei San
Francisco.
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