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Klaus Kinski - Nachrufe
 

Peter Buchka
Ich gehe - und die Erde bebt!
Süddeutsche Zeitung vom 27.11.1991

Pressefoto

Für Schlagzellen in der Klatschpresse war er immer gut. Klaus Kinski, das enfant terrible, der Bösewicht, der Erotomane, der Rücksichtslose, der Besessene. Daß er Kerzenleuchter ins Publikum warf, wenn es über seiner Interpretationen moderner Lyrik nicht ganz ernst bleiben wollte, oder Partnerinnen die Haare ausriß, weil er sich von der Leidenschaft seiner Rolle hinwegtragen ließ. wurde genüßlich breitgetreten. Kinski pflegte dieses Image des neurotischen, fast ein bißchen wahnsinnigen Genies - und litt wohl gleichzeitig darunter. Eine gehörige Portion Schizophrenie gehörte für ihn zum Beruf, den er liebte und dem er tatsächlich diente.

Er diente ihm auf wirkungsvolle, aber nicht immer ganz seriöse Weise. Klappern gehörte für ihn zum Handwerk. Als er beispielsweise 1988 beim Festival von Cannes spürte, daß sein Film Paganini, bei dem er nicht nur die Hauptrolle spielte. sondern auch selber Regie führte, durchzufallen drohte, nahm er auf der Pressekonferenz die erste Gelegenheit wahr. die Kritiker ausfällig zu beschimpfen und mit einem bühnenreifen Abgang davonzurauschen. Dem Film hat das, zugegebenermaßen, nicht mehr auf die Beine geholfen, aber die Show. die Kinski lieferte, war in allen Fernsehberichten zu sehen.

Man mag von dem Kinski, wie er nicht ohne eigenes Zutun von den Medien dargestellt wurde, halten was man will. eins muß man dem Künstler auf jeden Fall zugute halten: daß er für seine Kunst kämpfte. Warum sollte er es den ändern leicht machen, wenn er es sich selber nicht leicht machte, zumal er früh abgestempelt und festgelegt war in der Rolle des unberechenbaren Charakters, der vermutlich wie die meisten verletzbaren Künstler doch nur eines wollte: daß man ihn liebte.

Mit diesem Wunsch hätte sich jeder schwer getan in seinem Charakterfach. So kehrte er schon früh eine hochmütige Arroganz nach außen. Bereits in einem seiner ersten Filme, in Rossellinis Angst aus dem Jahr 1954, trat er als überkandidelter Gedichtrezitator, der seine Zuhörer beschimpft, im Hintergrund auf. Tatsächlich lag ihm damals Lyrik von Rimbaud und Villon, Majakowski und Brecht sehr am Herzen, und er hoffte, mit seinen Lesungen diese Literatur populär zu machen. Doch populär wurde nicht die Dichtung, sondern er.

Das war ihm eine Lehre. So wurde er - in einem Maße wie vor ihm vielleicht nur der ebenso hochbegabte Peter Lorre - zum Rollenklau. Die Filmkunst in Deutschland war eh im Eimer, warum sollte er sich für sie opfern. Kinski benutzte sie also. In den unsäglichen, aber doch ungemein erfolgreichen Edgar-Wallace-Verfilmungen der sechziger Jahre, in denen er als sadistischer Bösewicht den Konterpart zum tolpatschigen Eddie Arendt abgeben mußte, spielte er mit zitternden Lippen und zuckenden Wangen die biedere Krimipersonnage mühelos an die Wand. Später wiederholte er dieses Rezept nicht minder erfolgreich in italienischen Krimis und Spätwestern ( Leichen pflastern seinen Weg).

Haßliebe zu Herzog

So wär's mit Kinski wohl immer weiter gegangen, wenn da nicht in Deutschland ein junger, ebenso leidenschaftlicher Filmemacher gewesen wäre, der in ihm das Ideal des zeitgenössischen Helden sah: Werner Herzog. Die beiden haben sich gesucht und gefunden - der eine absichtlich, der andere eher unwillig. In beiden loderte das Feuer des Absoluten, des Rücksichtslosen, und in beiden nagte die Glut von etwas Unbedingtem, dem sie nachgaben, auch wenn es sich gegen sie selber kehrte. Kinski und Herzog: das war eine einmalige Verbindung im Neuen deutschen Film; eine Haßliebe, die beide verzehrte und die für beide nach triumphalen Momenten nur im Scheitern enden konnte.

Fünf Filme haben die beiden zusammen gemacht (und einige weitere waren wohl geplant): Aguirre, der Zorn Gottes (1972), Nosferatu und Woyzeck (1978), Fitzcarraldo (1982) und Cobra verde (1987). Fünf Filme, in denen - nicht zuletzt durch die Figur Kinskis - ein ganzes Universum entworfen wurde: das des tragischen, des heiteren und des schuldigen Abenteurers, des mitleiderregenden Ungeheuers und der geschundenen Kreatur. Eine Welt wurde da entworfen, die sich der Mensch mit übermenschlichem Willen zu eigen macht, um am Ende doch von seiner Schöpfung erdrückt zu werden.

Fünf großartige Filme, in denen Kinski und Herzog jeweils bis an die Grenzen des Zumutbaren und des Darstellbaren gingen, in denen beide alles gaben - eben bis sie nichts mehr zu geben hatten, so sehr verausgabten sie sich dabei. Dokumentarfilme von den Dreharbeiten haben aufbewahrt. wie verbissen die beiden um die Realisierung dessen kämpften, was sie als Idee der Filme anvisiert hatten.

Thomas Mauch, der Kameramann des Aguirre, hat auf einem Floß mitten auf dem Amazonas heimlich mitgefilmt, wie beide bis zum äußersten gingen. Da schimpfte Kinski den jungen Anfänger, der sein Konzept gegen das des Hauptdarstellers durchsetzen wollte, einen "Zwergenregisseur", der besser bei seinen Liliputanern bleiben solle. Er, Kinski, habe keine Lust mehr und werde augenblicklich abreisen. Herzog, ein ungeladenes Gewehr in der Hand: "Herr Kinski, Sie werden dieses Floß nicht verlassen. Wenn Sie gehen, erschieße ich Sie." - "Ich hätte ihn erschossen", beteuerte Herzog noch hinterher. In der Aufregung hatte er wohl vergessen, daß keine Munition im historischen Vorderlader war. Jedenfalls ist der Film fertig geworden, und die vier anderen auch.

Aber bei Cobra verde war Schluß. Kinski inszenierte Drehunterbrechungen, die ein Vermögen kosteten. Doch in der Schlußszene, als er ein riesiges Boot vergeblich ins Meer ziehen mußte, kostete er das Scheitern seiner Rolle so unendlich aus, daß er fast ertrunken wäre. So war Kinski: rätselhaft und unberechenbar, arrogant und hingebungsvoll. Darum ist er als Schauspieler nur den Abenteuergestalten vergleichbar, die er bei Herzog spielte. Um mit dem geliebten Feind abzurechnen, überarbeitete er sogar noch einmal seine fertige Autobiographie.

Gestorben ist dieser wilde Künstler, der vor 65 Jahren im ostpreußischen Zoppot als Nikolausz Günther Nakszynski geboren wurde, friedlich. Freunde fanden ihn, der offenbar schon am Samstag tot war. gestern in seiner Wohnung im kalifornischen Lagunita bei San Francisco.

 

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zuletzt aktualisiert am 11.11.2001