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"Kinski Paganini", eine rauschhafte
Phantasie über den romantischen
"Teufelsgeiger". Weder kann Kinski Violine
spielen, noch überzeugt er als
unermüdlicher Mädchenschänder, doch
pulsiert in dieser unerträglich narzisstischen
Selbstverherrlichung eine Verzweiflung, die
rührt.
(Der Spiegel)
Kein Wunder, dass "Kinski Paganini"
zehn Jahre brauchte, um einen Verleih zu finden. So
viele zusammenhanglos aneinandergereihte
Abartigkeiten und Unsäglichkeiten findet man
selten in deutschen Kinos: 81 Minuten lang springen
masturbierfreudige, vollbusige Minderjährige
über die Leinwand, die "Mehr, gib's mir
noch einmal!" schreien. Dieser Film
läßt keine Zweifel offen: Klaus Kinski hat
mit seinem unveröffentlichten Regie-Debüt
und gleichzeitig letztem Film
Alte-Männer-Phantasien auf Zelluloid
gebannt.
Seit den 60er Jahren wollte der für seine
Exzesse berühmte Filmrebell ein monumentales
Porträt des Teufelsgeigers Paganini schaffen, zu
dem die Welt aufblicken sollte. "Ich dachte und
fühlte, ich handelte wie Paganini. Seine
sexuelle Gier war die meine. Ich lebte sein Leben,
das mein eigenes war." Tag und Nacht
durchstöberte er Archive nach Lebensschnipseln
des italienischen Musikers, der Anfang des 19.
Jahrhunderts ganze Konzertsäale in Ekstase
versetzte. Als Kinski 1986 endlich einen Produzenten
und Geldgeber für seinen Lebenstraum gefunden
hatte, war das aufwendige Regieprojekt bereits
minutiös durchgeplant: Kinskis Ehefrau Debora
spielt Paganinis Geliebte, sein Sohn Nicolai mimt den
Sohn des Teufelsgeigers. Natürlich
übernimmt Kinski himself Regie, Drehbuch,
Schnitt und Hauptrolle.
5 Jahre später, nachdem der Film fertiggestellt
wurde, nur in Japan einen Verleih fand und weltweit
als "unspielbar" deklariert wurde, stirbt
Kinski. Mit Haß im Herzen, am Ende aller
Kräfte. Zurück bleibt sein filmisches
Vermächtnis, das den Zuschauer ratlos und
aggressiv gleichzeitig stimmt: Die Figur Paganini
wird auf billige Klischees reduziert. Laut Kinski war
das hochbegabte Geigenwunder geldgierig, sexbesessen,
dem Wahnsinn nahe und sah aus wie der Tod auf
Füßen. Diese dürftigen Informationen
flackern in kurzen Fragmenten über die Leinwand:
Schöne Frauen, willenlos dem Teufelsgeiger
untergeben, endlose Geigenexzesse, in Zeitlupe
gefilmt. Diese wilde Bildermixtur wird von der Musik
des Paganini-Imitators und Violinvirtuosen Salvatore
Accardo mit grausamer Permanenz unterlegt: Fiepende,
kreischende Töne, Tierlauten ähnlich, in
einer Lautstärke, die nicht weit vom
Hörsturz entfernt ist. Mit diesem
Vermächtnis hat Klaus Kinski nur bewiesen, dass
er nicht Geige spielen kann und als Regisseur ein
Versager war. Er bleibt in Erinnerung als
Folterknecht des Publikums und geisteskranker
Fanatiker, der sein Ego bestätigen
mußte.
(Thomas Isaak)
Die Kamera schwenkt über die jubelnden
Zuschauer im Opernhaus von Parma. Die sinnliche
Stimme einer begeisterten Frau erklingt aus dem 0ff.
Sie spricht von Genie und Passion, von Schmerz und
Ekstase. Sie spricht von dem Virtuosen, den Heine als
den "Vampir mit der Violine" bezeichnet
hat. Und dann sehen wir ihn unten, im Halbdunkel der
Bühne stehen, armselig und gefährlich,
verloren und triumphierend zugleich: Klaus Kinski als
Nicolò Paganini.
Die langen, rabenschwarzen Haare umgeben ein blasses
Gesicht, das verwüstet ist von Leidenschaft. Die
Augen haben einen schwarzen Glanz, der Blick ist
lauernd, aggressiv, aber auch verletzlich. Paganini
verbeugt sich, eine Nachtgestalt der Musik, ein
Monster der Kunst. Schließlich küsst er
seine Geige und setzt zum nächsten Vortrag an.
Die Off-Stimme erstickt beinahe in einem
Stöhnen, als das Spiel beginnt. Die Töne
durchzucken gleichsam die Körper der Zuschauer.
Das weibliche Publikum vor allem gerät in
Verzückung. Es scheint, als würde er direkt
auf den Nervenbahnen der Frauen im Theater spielen.
Das Geigenspiel wird immer wilder, die Erregung
steigert sich, die Bilder taumeln im Inferno der
Töne. Die Hand mancher Zuschauerin verkrampft
sich im Schoss. Nach dem letzten Akkord hebt ein
tosender Beifall an. Die Bühne mit den vielen
Kerzen, wie der ganze Film ohne jegliches Kunstlicht
von Pier Luigi Santi fotografiert, steht in goldenen
Flammen. Über dem Bild mit den applaudierenden
Zuschauern wird der Credit eingeblendet:
"Geschrieben und inszeniert von Klaus
Kinski".Der Paganini-Film ist ein lang gehegtes
Herzensprojekt von Kinski gewesen. Seit er in den
Sechziger Jahren in einem Wiener Geigengeschäft
eine Abbildung Paganinis gesehen hat, war er wie
besessen von dem Teufelsgeiger und Gothic-Musiker. Er
spürte eine Seelenverwandtschaft mit diesem
ebenso umjubelten wie geächteten
Performance-Künstler des 19. Jahrhunderts. Die
Triebhaftigkeit und das Getriebensein, die
Grenzüberschreitung und die Kompromisslosigkeit
Paganinis - darin sah Kinski Parallelen zu seinem
eigenen Leben: Und in der Vermischung von Legende und
Wahrheit, der Verquickung von Leben und Show beim
düster-romantischen Musiker Ähnlichkeiten
zu seiner eigenen Karriere. Nach 20 Jahren und
unzähligen Anläufen konnte er das Projekt
1987 in Italien verwirklichen: eine Filmbiografie
Paganinis als Selbstporträt.
Obwohl Kinski mit unglaublichem Einsatz die
Werbetrommel rührt, ist dem Film kein Erfolg
beschieden. In Cannes wird er abgelehnt. Nur in
Italien und Japan läuft der Film, in zwei
Ländern, die empfänglich sind für ein
Kino der Rituale. Gut zehn Jahre nach seiner
Herstellung kommt Kinskis rares Werk der
Leidenschaft, das bei Underground-Cineasten
unterdessen den Stellenwert eines film maudit
gewonnen hat, endlich auch in unsere Kinos, im
Eigenverleih eines Kinski-Aficionados. Zehn Jahre
habe ihn der Film verfolgt, nachdem er ihn Ende der
Achtziger in Italien gesehen habe, sagt der
Verleiher. Die Besessenheit setzt sich also fort. Die
Sehnsucht nach anderen Möglichkeiten, auch im
Kino, die den Film durchzieht, wird selbst in der
sorgfältigen Kino-Edition spürbar.
Kinskis Film ist der Versuch, in der extremen
Künstlichkeit natürlich und organisch zu
sein, in der Abstraktion hautnah zu bleiben.
"Nie", schreibt er, "wäre mir in
den Sinn gekommen, das, was ich ausdrücken
wollte, in die Zwangsjacke einer dieser idiotischen,
fürs Publikum zurechtgeschusterten
Filmhandlungen zu verschnüren, mit ihrer
pedantischen und diktatorischen Logik und
'Continuity'. Der Versuch, Paganini in die
übliche Form eines Filmes einzuzwängen,
hieß, ihn lebendig einzumauern. Denn er lebte -
in mir."Der Film gleicht einer wüsten
Kutschenfahrt durchs Leben Paganinis, er ist ein Road
Movie durch eine Seelenlandschaft mit der
durchdringenden Geigenmusik als unheimlichen Motor,
als schmerzenden Antrieb. Es gibt Schlaglichter auf
die vielen Amouren und Sexabenteuer, auf die
Auseinandersetzung mit dem Klerus, auf die
große, verspielte Liebe zu seiner Frau Antonia
Bianchi. Von zentraler Bedeutung aber ist Paganinis
Weggefährte, sein kleiner, abgöttisch
geliebter Sohn Achille. Der Film ist auch ein Trip
durchs Leben Kinskis. Da sind Reminiszenzen an seine
expressionistischen Villon- und
Rimbaud-Rezitationsabende zu erkennen, da ist das
Karnevaleske seiner Edgar-Wallace-Filme und das
Opernhafte seiner Italo-Western spürbar, da
steckt der Kitsch von Exploitation-Filmen und die
Herzog-Erfahrung drin. Von zentraler Bedeutung aber
ist der private Aspekt: Achille wird von Kinskis
eigenem Sohn Nicolai gespielt.Kinski Paganini ist ein
hemmungsloser Mix: aus Kunst und Trash, der nicht
jedem gefallen wird. Er ist auch eine verwegene
Kombination von Autorenfilm und Home Movie. Neben
Kinski spielt seine damalige Lebensgefährtin
Debora Caprioglio. Weil er mit ihr Heiratspläne
schmiedete, taucht sie in den Credits bereits als
Debora Kinski auf. Der Film ist eine
Liebeserklärung an Debora und Nicolai, dem die
zweite Hälfte des Films gehört. Und er ist
ein Essay über den letzten Auftritt, über
den Schlussakkord. Schwerkrank, von Syphilis und
Schwindsucht zerfressen, gibt Kinski seinem Sohn, bei
dessen Anblick sich sein Zorn immer in
Zärtlichkeit verwandelt, eine private
Vorstellung. Zuerst spielt er melodiös, und der
schöne kleine Junge mit der Katze auf dem Arm
ist glücklich. Doch dann kippt die Musik ins
Verzweifelte, ins Grauenhafte. Ein Totentanz beginnt,
ein letzter Kampf der Kreatur. Die Agonie von
Kinski-Paganini wird doppelt gespiegelt: im
Geigenspiel und in den ängstlichen,
verstörten Augen des Kindes. Ein ergreifender
Moment Kino ist das, subtil im Spektakel,
feinfühlig im Delirium. Der Paganini-Film sollte
Kinskis Abschiedsvorstellung sein. Er hat ihn an den
Rand der Erschöpfung gebracht, er hat darin
seinen eigenen Tod geprobt. Kinskis Film - Lightning
Over Water. Die geringe Beachtung tat ein
Übriges. Im November 1991 ist Kinski in
Kalifornien für immer im Dunkel der Bühne
verschwunden.
(Süddeutsche Zeitung / Hans
Schifferle)
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